„David hat die Malerei getötet.“
– Paul Cézanne
Nach jedem Sieg bestellte Napoleon Bonaparte ein Bild. Er diktierte das Thema, die Darstellung der Personen und schrieb sogar das Bildformat vor. „Napoléon überquert die Alpen“ von Jacques-Louis David ist ein Beispiel solcher Propagandakampagne. Tatsächlich hatte Napoléon die Alpen, nicht wie auf dem Bild dargestellt auf einem Pferd, sondern auf einem Maultier, welches von einem Bergführer gelenkt wurde, in der Nachhut seiner Armee überquert. Mantel und Hut waren mit Ölzeug bedeckt und er nahm auch nicht dieselbe Route wie Hannibal.
Wolodymyr Selenskyjs Wahlplakate mit der computergestützten Bilderzeugung oder die mit Pinsel und Ölfarben auf Leinwand ausgemalte „Rote Kavallerie“ von Kasimir Malewitsch – all das sind Bilder einer Propagandakampagne. In dieser Form der Durchdringung ist die narrative Botschaft immer vor dem Medium.
Autokorsos zur …! Der erste Präsident des Volkes!
Foto: Передвиборча агітація
Pablo Picasso war ein überzeugter Anhänger der Volksfront (Frente Popular) und ihrer Politik. Schon 1936 hatte Picasso von der Regierung Spaniens den Auftrag bekommen, für den spanischen Pavillon der Weltausstellung 1937 in Paris ein Bild zu machen. Nach dem Angriff auf Gernika verwarf er seine ursprüngliche Bildidee „Maler und Modell“.
„Es ist mein Wunsch, Sie daran zu erinnern, dass ich stets davon überzeugt war und noch immer davon überzeugt bin, dass ein Künstler, der mit geistigen Werten lebt und umgeht, angesichts eines Konflikts, in dem die höchsten Werte der Humanität und Zivilisation auf dem Spiel stehen, sich nicht gleichgültig verhalten kann.“
– Pablo Picasso: Dezember 1937
Picassos „Guernica“ ist ein illustratives Bild, das einen Übergang zwischen der ersten und der zweiten Form der Durchdringung schafft. Dieses Bild ist nicht nur eine narrative Erinnerung an „die höchsten Werte“, sondern auch eine Form der Kunsttherapie.
Während des Ersten Weltkrieges stellten Psychologen fest, dass viele Soldaten von sich aus zu zeichnen oder zu malen begannen. Während des Zweiten Weltkrieges überwiegend in Großbritannien und in der USA wurden Künstler und Psychologen rekrutiert, um mit Soldaten zu arbeiten, die durch Kriegserlebnisse traumatisiert waren. Auch im russisch-ukrainischem Krieg hat man unzählige Beispiele von Ausstellungen mit therapeutischen Werken von Künstlern und Militär.
In der zweiten Form der Durchdringung trägt die Politik die Verantwortung für die Entstehung therapeutischer Werke sowohl in den Medien Malerei oder Zeichnung, als auch im Medium des Bildes.
Piet Mondrians Kunst war 1937 Teil der Ausstellung Entartete Kunst. Hierfür wurden zu Propagandazwecken Kunstwerke aus Museen aus ganz Deutschland beschlagnahmt, weil sie nicht zur Ideologie der NS-Diktatur passten.
Schon 1938 veranlasst die drohende Kriegsgefahr auch Piet Mondrian, von Paris nach London zu fliehen. Über Großbritannien emigriert er Ende 1940 nach New York. Im selben Jahr verfasst Mondrian einen Text mit dem Titel „Art Shows the Evil of Nazi and Soviet Oppressive Tendencies“, den er später zu „Liberation and Oppression in Art and Life“ verändert.
Mondrians letztes Gemälde heisst „Victory Boogie Woogie“. Mondrian malte „Victory Boogie Woogie“ während des Zweiten Weltkriegs in New York. Als er Anfang 1944 im Alter von 72 Jahren starb, war das Werk unvollendet. Das Besondere an diesem Gemälde ist, dass Mondrian sich von seinen früheren neoplastischen Ideen distanziert hat, um durch den dynamischen Rhythmus ein Gleichgewicht in der Komposition zu erreichen. Es gibt keinen direkten Hinweis darauf, dass Piet Mondrian seinem letzten Gemälde genau diesen Titel geben wollte. Es ist anzunehmen, dass der Titel „Victory Boogie Woogie“ von James Johnson Sweeney, einem amerikanischen Kurator und Autor über moderne Kunst, gegeben wurde. „Victory“ im Titel sollte sowohl auf den erwarteten Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg hinweisen als auch auf Mondrians Überwindung der früheren strengen Kompositionen zugunsten der neuen Rhythmisierung des Motivs.
Die Niederlande erwarben das Gemälde 1997 mit Mitteln der De Nederlandsche Bank für 37 Millionen Euro vom amerikanischen Zeitungsmagnaten S.I. Newhouse. Seitdem befindet es sich als Leihgabe im Gemeentemuseum in Den Haag. Hans Locher, damaliger Direktor des Gemeentemuseums, kommentierte den Neuzugang: „Victory Boogie Woogie ist die triumphierende Antwort auf den Zweiten Weltkrieg. Das berühmte Guernica von Picasso ist das Bild schlechthin für Gewalt und Kriegsopfer im zwanzigsten Jahrhundert geworden. Nun, Victory Boogie Woogie von Mondrian ist das Bild schlechthin für den Sieg von Lebensfreude und Freiheit“.
Während Manet, Degas und Renoir in den deutsch-französischen Krieg (1870-1871) ziehen, fliehen Monet und Pissarro nach London. Cézanne übersiedelt nach L’Estaque, in die Nähe von Marseille. Obgleich Cézanne im Januar 1871 als Fahnenflüchtiger denunziert wurde, gelang es ihm, sich mit Erfolg zu verstecken.
1898 im Gespräch mit Joachim Gasquet äussert sich der französische Maler:
… Man spricht nur gut von der Malerei vor Gemälden. Nichts ist gefährlicher für einen Maler, wissen Sie, als sich mit der Literatur einzulassen. Wenn er darauf hereinfällt, dann ist er geliefert. …
… Ein Gemälde stellt nichts dar, soll zunächst nichts darstellen als Farben…
Lenin regte 1918 an, für die Heroen der Weltrevolution Denkmäler zu errichten; auf der Ehrenliste standen Courbet und Cézanne.
Oleksiy Koval
München, den 24. Juni 2024
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Dmytro Goncharenko im Gespräch mit Daniel Geiger, Gonghong Huang, Oleksiy Koval, Dmytro Kupriyan, Thomas Rieger, Ainur Sakisheva, Nastia Sever und Veronika Wenger im Rahmen der Ausstellung Rhythm Section Salon Binär.






